Freitag zwölf Uhr an einer beliebigen Universität in Deutschland. Wir sind uns alle einig, dass Vorlesungen am Freitag schrecklich sind und wenn sie dann auch noch über die Mittagspause stattfinden, sind sie schlichtweg grausam. Die Teilnehmer einer solchen VL lassen sich also in zwei Gruppen einteilen: diejenigen, die verzweifelt versucht haben, eine alternative Veranstaltung an einen anderen Termin zu finden, das aber nicht geschafft haben, und die verrückten, die sich aus wirklichem und ernsthaftem Interesse jeden Freitag in den Hörsaal setzen.

Idealerweise übersteigt der Anteil der verrückten den der verzweifelten. Ist dem nicht so, führt das zu potentiell desaströsen Verhältnissen: die paar verrückten werden als Streber tituliert, weil sie sich beteiligen, die verzweifelten schlafen, schwatzen, nerven. Willkommen zurück in der 10. Klasse!

Nicht gerade das, was man sich von einer Hauptstudiumsveranstaltung erhofft und erwartet.

Schnipseliges Zeug 1

Die Blogfaulheit hat zugeschlagen. Irgendwie sind mir in der letzten Woche zwar lauter Blogschnipsel eingefallen, aber irgendwie hat es nie so richtig für was Komplettes gereicht. Das ist zwar jetzt auch nicht viel anders, aber immerhin hab ich ein paar Bilder, um Thema 1 abzurunden.

Wir kommen also zum heutigen Schnipsel: die Universität

Ich dachte ja immer, dass sich die Tübinger Uni-Gebäude (zumindest teilweise) nicht so leicht toppen lassen, was ihre Unschönheit angeht. Wer nicht weiß, wovon ich spreche: Google-Bildersuche nach Brechtbau Tübingen fragen. Das ist ein wirkliches Glanzstück.
Nunja, jedenfalls komme ich hier an und das erste Unigebäude, das ich sehe, ist folgendes:

Faculté de Droit, Aix en Provence

Das sieht ja schonmal nicht schlecht aus. Aber, haha, zu früh gefreut: Dummerweise ist das das Gebäude der Jura-Fakultät, wo ich nie bin. (aber hey, die haben da pinke Toiletten für die Mädchen!)

Nächstes Gebäude auf dem Weg zur Uni ist dieser wunderbar moderne Neubau.

Neubau Université Aix-Marseille

Neubau mit Regenbogen-Lichteffekt

Der befindet sich leider grad erst im Bau, war also auch nichts!

Letzte Station ist dann das hier, wozu mir eigentlich die Worte fehlen. Gefahr für Leib und Leben passt vielleicht ganz gut.

Faculté de lettres, Aix-Marseille Université

nochmal die Fac de Lettres

ääääääähhhh ja, also…

Das Innendrin macht es auch nicht wirklich besser. Graffiti, das es hier zuhauf an Wänden, Tafeln, Tischen usw. gibt, wird wohl einfach mit der Farbe überstrichen, die grad am billigsten ist, sich sowieso auf dem Pinsel befindet oder einfach am hässlichsten ist. Ob das dann noch schön ist, überlass ich mal dem Auge des Betrachters.

was bitte ist das?

kreative Farbgestaltung

Zum Abschluss präsentiere ich euch noch einen Gehweg:

ein "Gehweg" in Frankreich

Der Ernst des Lebens

Es gibt hier so Tage, an denen vergisst man fast, dass man grad fast 700km von daheim entfernt ist, in einem fremden Land sitzt und noch tausende neue Erfahrungen vor sich hat, bevor es wieder nach Hause geht. Samstag war ein bisschen so ein Tag und dann doch auch wieder nicht. Découverte de la Provence, ein Unternehmen, das fast jedes Wochenende ausländische Studenten in Reisebussen durch die Provence kutschiert, hat einen Tag in Saint Tropez angeboten, was wir uns natürlich nicht entgehen lassen konnten. Also sind wir viel zu früh aufgestanden, um uns gemeinsam mit ca. 200 anderen Leuten in drei Busse zu quetschen und die anderthalb Stunden nach St. Tropez zu fahren. Dort haben wir uns die Stadt angeschaut, der man deutlich ansieht, dass hier Geld im Überfluss vorhanden ist. Es gibt eine tolle Altstadt und alles ist schön hergerichtet und gepflegt.

Nach eigentlich leider ein bisschen zu wenig Zeit in der Stadt haben wir uns wieder in den Bus gesetzt und sind ans Cap Taillat gefahren, wo uns wunderbar azurblaues Wasser und schmerzhafter Kiesstrand empfingen. Auf dem Sentier du littoral ging es ein Stück die Küste entlang, bis wir an die allerschönste Stelle kamen. Handtuch ausgebreitet, Sonnencreme aufgefrischt und das wars dann an Aktivität für die nächsten drei Stunden. Der Tag war einfach wunderbar, um nochmal abzuschalten und zu vergessen, dass der Wochenanfang Uni-Panik bringen würde. Das hat sich einfach angefühlt wie Urlaub. Klar ist einem an solchen Tagen bewusst, dass man nicht zu Hause ist und so, aber es bedeutet nichts. Man ist umgeben von Leute, die die gleiche Sprache sprechen wie man selbst, man macht sich keine Gedanken über die ganzen vielen Dinge, die noch auf einen zukommen, und genießt einfach.

Und dann gibt es noch die gegensätzlichen Tage. Die, an denen alles Neue und Unbekannte ganz besonders bewusst im Vordergrund stehen und allein der Gedanke an den nächsten Tag schon Panik verursacht. So ein Tag war Sonntag 🙂 Morgens war ich im Gottesdienst in der supernetten evangelischen Gemeinde und alle waren einfach freundlich und die Bach-Akademie hat eine Bachkantate gesungen und wir haben ganz viele Choräle mit deutschen Melodien gesungen. Und das war für mein Nervenkostüm dann doch nicht gerade zuträglich. Vor allem nicht in Kombination mit dem Bewusstsein, dass es der letzte Sonntag vor dem Unibeginn ist und der nächste Tag die erste Veranstaltung auf Französisch bringen würde. Zum Glück hab ich ja eine Familie, die mich dann wieder beruhigt und auf den Boden der Tatsachen runterholt.

Der Montag war dann auch gar nicht schlimm. Erstmal hat sowieso nur die Hälfte der Veranstaltungen angefangen (also eine :-)) und die hat mir dann vorerst mal alle Angst genommen. Ich werde mich also jetzt jeden Montag 3 Stunden lang mit regionaler Geographie Nord-Amerikas beschäftigen. Oder besser gesagt: ich werde mir 3 Stunden lang anhören, wie mir eine französische Dozentin etwas über Nord-Amerika erzählt. In der traumhaften Seminar-Atmosphäre von etwa 15 Studenten wird hier nämlich Frontalunterricht in seiner schlimmsten Form betrieben. Der Dozent redet und die Studenten schreiben wörtlich alles mit, was gesagt wird. Das jedenfalls war mein Eindruck bei den Nachfragen, die von den Studenten kamen. Das schockt natürlich schon erstmal ein bisschen. Auch die eine Stunde Textarbeit, die wir gemacht habe, war nur „Lest den Abschnitt und ich stell euch dann eine Frage dazu“. Nicht gerade das, was man in einem Modul fürs 5. Semester erwartet. Das ist jedenfalls ganz schön anstrengend und provoziert bei mir dann immer mein Streber-Gen, damit ich nicht einschlafe. Insgesamt war es aber der ideale Einstieg ins französische Unileben. Ich war nicht völlig überfordert, das Thema ist interessant und verständlich und ich freu mich auf die nächste Stunde. Diese Woche wartet nur noch ein Drittsemester-Modul über ländliche Räume auf mich, alles andere fängt erst nächste Woche an. Ich hab also noch genug Zeit, mir viele, viele Gedanken drüber zu machen, was ich wohl alles nicht kann 🙂

à bientôt!

Erfolgsversprechend

Mit einer Woche Verspätung verabschiede ich mich hiermit mal für die nächsten sechs Monate von Tübingen. Tschüss, machs gut, veränder dich nicht zu viel, ich mag dich, wie du bist!

Ich kanns echt nicht fassen, dass das Semester schon wieder vorbei ist… Das letzte Semester mit so vielen Leuten, die mit mir gemeinsam angefangen haben und jetzt in die weite Welt verschwinden. Das Semester, in dem zahlreiche Puzzlestücke in meinem Kopf an den richtigen Platz gefallen sind und 1000 neue aufgetaucht sind, die noch keine Ahnung haben, wo sie eigentlich hinwollen.

Jetzt folgen erstmal noch vier Wochen im Büro mit Accessibility-Testing und ähnlichen Späßen, mit Wundermitpraktikanten, neben denen man sich ganz klein fühlt, mit zu viel Kaffee und mit so gutem Gefühl wie heute, als JAWS mir endlich sinnvolle Dinge vorgelesen hat. Und wenn sich dazwischen noch so nette Dinge einfügen lassen, wie die Freude über die Curiosity-Landung oder schöne Wochenenden mit tollen Freunden und schönen Konzerten, dann wird das ein ziemlich perfekter Monat.

Und gleichzeitig ist das alles die perfekte Ablenkung davon, dass ich mich wahnsinnig mache vor Angst, weil es Anfang September für fünf Monate nach Frankreich geht. Fünf Monate lang neue Leute, eine neue Stadt erkunden, in einer fremden Sprache studieren. Wenn ich da jetzt noch nicht drüber nachdenken muss, dann ist das für mein Nervenkostüm ganz gut. Jedesmal, wenn mich jemand fragt, ob ich mich denn schon freue und ob ich denn schon ganz aufgeregt bin, wird es nämlich wahrscheinlicher, dass ich platze, das Heulen anfange oder mich in einer Kugel zusammenrolle und drauf warte, bis mir der Himmel auf den Kopf fällt. Ja, ich bin aufgeregt (Hallo?? 5 Monate in der Fremde???), ja, ich freu mich (Hallo?? Mittelmeer???), nein, ich möchte bitte nicht drüber nachdenken, was das französische Bürokratiechaos mit meinem Kontrollfreakismus anstellen wird (O-Ton: „Wir wissen leider noch nicht, wann das Semester anfängt, aber seien Sie doch mal Anfang September da.“ *ARGH*).

Alles in allem: „OMMMMMMMMMMM, es ist Sommer, genießen steht auf der Tagesordnung“

Zwischendrin und kurz davor

Prüfungsphase in Deutschland: die Zeit, in der Deutschlands Studentenbuden blitzen und blinken wie sonst nur in den fünf Minuten nach Mamas letztem Besuch, die Kleiderschränke sind voller gebügelter Wäsche, die Kühlschränke voll mit gesundem Essen und auf den Schreibtischen türmen sich Bücher, Lernzettel, Skripte und Karteikarten, in der Hoffnung, dass das Wissen sich einfach direkt in den Kopf bewegt, ohne dass man tatsächlich etwas Konstruktives dafür tun würde. So ist das jedenfalls bei mir.

Wenn ich Kommilitonen mit akribisch abgetippten, vollständigen Lernzetteln vier Wochen vor der Klausur sehe, krieg ich einen nervösen Tick im Auge und bin gleichzeitig tierisch neidisch, dass sie es scheinbar geschafft haben, ein Lernsystem zu finden, das für sie funktioniert und mit dem sie erfolgreich arbeiten können. Meines wandelt sich ständig… Bei der ersten Klausur dieses Jahres waren es noch halbfertige abgetippte Antworten zu den vorher ausgeteilten Klausurfragen, bei der zweiten waren es pinke Klebezettel auf dem Skript, die die meiner Meinung nach wichtigsten Dinge in kryptischen Worten und Abkürzungen zusammenfassten, und inzwischen bin ich dazu übergegangen, eine komische Mischform zwischen Buch lesen und handschriftlichen Notizen auf der Rückseite von nicht mehr benötigtem Semesterlesestoff zu verwenden. Alles jedenfalls nicht sehr organisiert, artet spätestens zwei Tage vor der Klausur in ein Chaos aus, in dem nichtmal mehr ich mich zurechtfinde, und führt jedes Semester dazu, dass ich mir selber verspreche, es nächstes Mal besser zu machen.

Das Dumme an der ganzen Sache ist nur, dass es irgendwie zu funktionieren scheint. Solange ich nicht mal richtig blöd auf die Nase falle mit meiner Lernerei, werde ich mich auch nicht gezwungen fühlen, sie zu ändern. Auch wenn ich während der nächsten Lernphase dann wieder zwischen völliger Verzweiflung und dem Wunsch nach einem tiefen schwarzen Loch im Boden schwanke.

Immerhin war das Wetter nett zu mir und hat gleich gar nicht versucht, mich nach draußen zu locken. Wobei inzwischen der Gedanke an einen Regenspaziergang auch schon verlockend ist. Vor allem, wenn ich so nette Sachen wie hier lese. Das macht Hoffnung auf die Zeit danach.

Regentropfen am Fenster, Norddeutschland

Bunte Verzweiflung

In den letzten zwei Wochen habe ich sehr, sehr, sehr viel Zeit damit verbracht, mir an den Kopf zu fassen. Auslöser: 140 Zweitsemester, die ich mit V. zusammen beaufsichtige, babysitte und – und das ist das Allerschlimmste – deren Interview-Analysen, die sie im Rahmen des Methodenmoduls gemacht haben, wir korrigiert haben.

Die Studis hatten ein paar ganz einfache Vorgaben für die Abgabe der Analysen: Dateiformat (doc oder odt), Schriftgröße (12 pt), Schriftart (times new roman), Fließtext mit 1-2 Seiten. Alles eigentlich nur aus Prinzip und um uns die nachträgliche Formatierung zu ersparen. Die Vorgaben hätten wir uns komplett sparen können: Die Texte, die all diese Kriterien erfüllt haben, kann man an einer Hand abzählen.

Beim Korrigieren der Texte hatte ich regelmäßig eine große Schüssel Kommas neben mir stehen, die ich zu Dutzenden untergebracht habe. Ich habe Sätze umformuliert, ganze Absätze neu geschrieben, das/dass-Fehler korrigiert und mir eigentlich nur noch überlegt, wie die Leute es durch 13 Jahre Schule geschafft haben, ohne auch nur das kleinste bisschen über Grammatik, Syntax und Rechtschreibung mitgenommen zu haben.

Ich kann durchaus verstehen, dass man keinen Bock auf diese Analysen hat. Mir haben sie im zweiten Semester auch keinen Spaß gemacht. Und es gibt sicher auch einen ganzen Haufen Studenten, die nicht einsehen, warum sie das jemals brauchen werden, wenn sie ihr Leben doch sowieso nur damit verbringen wollen, Bodenlöcher zu buddeln, Würmer zu zählen und höchstens ein paar Pflanzen dazu befragen wollen, wie wohl sie sich an dem Standort fühlen. Aber was da teilweise abgegeben wurde, war einfach nur eine Frechheit. Uns Tutoren gegenüber dafür, dass wir es korrigieren mussten, und den Kommilitonen gegenüber, die versuchen sollen, die Texte zu analysieren. Auch im zweiten Semester sollte man es schon schaffen, einen einseitigen Text nicht nur runterzuschreiben, sondern wenigstens die Rechtschreibkontrolle drüberlaufen zu lassen.

Die letzten beiden Texte, die ich heute Abend noch korrigiert habe, haben der ganzen Sache dann noch die Krone aufgesetzt. Nicht nur, dass die Formatierung das Gegenteil dessen war, was wir verlangt hatten (Arial, 11pt, einzeilig, linksbündig), sondern der Text war auch noch bunt! Eine durchaus sinnvolle Methode, die einem prima dabei helfen kann, den Text zu strukturieren und sicherzustellen, dass man alle wichtigen Inhalte aus der Transkription des Interviews auch in die Analyse übernimmt. Aber das gibt man doch bitteschön nicht so ab! Das bringt nämlich überhaupt gar niemandem mehr was, wenn er das liest. Und für die Korrektur ist es auch nur nervtötend. Und überhaupt fühlte ich mich da dann einfach nur noch verarscht und musste in hysterisches Gelächter ausbrechen und mir mit Capslock-Verwendung Luft machen, um das überhaupt noch verkraften zu können.

Falls ich jemals wieder Methoden-Tutorin bin, nehm ich einfach nur noch .txt-Dateien an und jeder andere Anhang wird vorher rausgefiltert, sodass ich gar nicht Gefahr laufe, es sehen zu müssen. Oder so…

Wochenstatistik II und mehr

wow, schon wieder 6 Wochen seit dem letzten Post. Irgendwie ist das mit dem regelmäßigen Bloggen nix für mich. Oder mein Leben ist einfach zu langweilig. Oder was auch immer. Die letzten Wochen lassen sich jedenfalls mal wieder in ein paar netten Zahlen zusammenfassen:

    1 immer noch/schon wieder unaufgeräumtes Zimmer
    2 Seminare vollständig abgeschlossen, was die tatsächliche Arbeit dafür angeht
    500 Busfahrten, die ich langsam sinnvoll zu nutzen lerne
    1,5 Blockseminare hinter mir, davon:
    → 1 tolles, sinnvolles, interessantes
    → 0,5 schrecklich, laut, zu voll, mit zu vielen nervigen Menschen
    1 Erasmuszusage mit 2 verpeilten Zuständigen (O-Ton: „leider können wir Ihnen noch nicht mitteilen, wann Sie in Frankreich sein müssen, weil wir selber noch nicht wissen, wann das Semester anfangen wird“)
    30.000 Seiten Papier, die dieses Wochenende sortiert werden wollen
    2 Kommilitoninnen für gemeinsame Gruppenarbeit, davon
    → 1 tolle, deren Hirnwindungen die gleichen komischen Sachen machen wie meine
    → 1 verpeilte, die mir den letzten Nerv rauben wird, wenn ich nicht gut aufpasse
    ungezählte Momente, in denen ich mich freue, und genausoviele in denen ich mir die Decke über den Kopf ziehen und einfach im Bett bleiben will

Wochenstatistik I

Statistik des Tages:

    20 Kilo Bücher
    1/2 Gliederung im Kopf
    1 unaufgeräumtes Zimmer

Statistik der Woche:

    1 Gehirn, das noch studieren kann
    8 unendliche Busfahrten, an die ich mich hoffentlich bald gewöhne
    5 interessante Veranstaltungen
    viele nette Kommilitoninnen und Kommilitonen, die das Studieren so viel angenehmer machen