Der Ernst des Lebens

Es gibt hier so Tage, an denen vergisst man fast, dass man grad fast 700km von daheim entfernt ist, in einem fremden Land sitzt und noch tausende neue Erfahrungen vor sich hat, bevor es wieder nach Hause geht. Samstag war ein bisschen so ein Tag und dann doch auch wieder nicht. Découverte de la Provence, ein Unternehmen, das fast jedes Wochenende ausländische Studenten in Reisebussen durch die Provence kutschiert, hat einen Tag in Saint Tropez angeboten, was wir uns natürlich nicht entgehen lassen konnten. Also sind wir viel zu früh aufgestanden, um uns gemeinsam mit ca. 200 anderen Leuten in drei Busse zu quetschen und die anderthalb Stunden nach St. Tropez zu fahren. Dort haben wir uns die Stadt angeschaut, der man deutlich ansieht, dass hier Geld im Überfluss vorhanden ist. Es gibt eine tolle Altstadt und alles ist schön hergerichtet und gepflegt.

Nach eigentlich leider ein bisschen zu wenig Zeit in der Stadt haben wir uns wieder in den Bus gesetzt und sind ans Cap Taillat gefahren, wo uns wunderbar azurblaues Wasser und schmerzhafter Kiesstrand empfingen. Auf dem Sentier du littoral ging es ein Stück die Küste entlang, bis wir an die allerschönste Stelle kamen. Handtuch ausgebreitet, Sonnencreme aufgefrischt und das wars dann an Aktivität für die nächsten drei Stunden. Der Tag war einfach wunderbar, um nochmal abzuschalten und zu vergessen, dass der Wochenanfang Uni-Panik bringen würde. Das hat sich einfach angefühlt wie Urlaub. Klar ist einem an solchen Tagen bewusst, dass man nicht zu Hause ist und so, aber es bedeutet nichts. Man ist umgeben von Leute, die die gleiche Sprache sprechen wie man selbst, man macht sich keine Gedanken über die ganzen vielen Dinge, die noch auf einen zukommen, und genießt einfach.

Und dann gibt es noch die gegensätzlichen Tage. Die, an denen alles Neue und Unbekannte ganz besonders bewusst im Vordergrund stehen und allein der Gedanke an den nächsten Tag schon Panik verursacht. So ein Tag war Sonntag 🙂 Morgens war ich im Gottesdienst in der supernetten evangelischen Gemeinde und alle waren einfach freundlich und die Bach-Akademie hat eine Bachkantate gesungen und wir haben ganz viele Choräle mit deutschen Melodien gesungen. Und das war für mein Nervenkostüm dann doch nicht gerade zuträglich. Vor allem nicht in Kombination mit dem Bewusstsein, dass es der letzte Sonntag vor dem Unibeginn ist und der nächste Tag die erste Veranstaltung auf Französisch bringen würde. Zum Glück hab ich ja eine Familie, die mich dann wieder beruhigt und auf den Boden der Tatsachen runterholt.

Der Montag war dann auch gar nicht schlimm. Erstmal hat sowieso nur die Hälfte der Veranstaltungen angefangen (also eine :-)) und die hat mir dann vorerst mal alle Angst genommen. Ich werde mich also jetzt jeden Montag 3 Stunden lang mit regionaler Geographie Nord-Amerikas beschäftigen. Oder besser gesagt: ich werde mir 3 Stunden lang anhören, wie mir eine französische Dozentin etwas über Nord-Amerika erzählt. In der traumhaften Seminar-Atmosphäre von etwa 15 Studenten wird hier nämlich Frontalunterricht in seiner schlimmsten Form betrieben. Der Dozent redet und die Studenten schreiben wörtlich alles mit, was gesagt wird. Das jedenfalls war mein Eindruck bei den Nachfragen, die von den Studenten kamen. Das schockt natürlich schon erstmal ein bisschen. Auch die eine Stunde Textarbeit, die wir gemacht habe, war nur „Lest den Abschnitt und ich stell euch dann eine Frage dazu“. Nicht gerade das, was man in einem Modul fürs 5. Semester erwartet. Das ist jedenfalls ganz schön anstrengend und provoziert bei mir dann immer mein Streber-Gen, damit ich nicht einschlafe. Insgesamt war es aber der ideale Einstieg ins französische Unileben. Ich war nicht völlig überfordert, das Thema ist interessant und verständlich und ich freu mich auf die nächste Stunde. Diese Woche wartet nur noch ein Drittsemester-Modul über ländliche Räume auf mich, alles andere fängt erst nächste Woche an. Ich hab also noch genug Zeit, mir viele, viele Gedanken drüber zu machen, was ich wohl alles nicht kann 🙂

à bientôt!

3 Gedanken zu „Der Ernst des Lebens

  1. Liebste Lydia, wenn ich Indien und Nepal überstehe, überstehst du auch Frankreich. Und denk immer dran: noch 83 Tage, bis ich bei dir bin ❤ Halt die Ohren steif!

  2. Hihi, das war bei meiner Gutsten auch so. 🙂 …also, der Frontalunterricht und das wörtliche Zitieren des Frontalunterrichters… 🙂

  3. … und Schritt für Schritt, und Tag für Tag, wird Neues passieren, Erwartetes und Unerwartetes (das zu fürchten man gar keine Gelegenheit hat), und wenn die viel zu lange, viel zu kurze Zeit im traumhaften, chaotischen, so fremden, so immer vertrauteren, so fernen, so gar nicht fernen, anderen Land ihrem einstweiligen Ende sich zuneigt, ist das eine von dem vielen Guten und Bewahrenswerten, was dabei übrigbleiben wird, eine andere, eine willkommenheißendere, eine begrüßendere Einstellung zum Neuen, zur Veränderung.
    Es öffnet den Weg zu vielen Caps Taillat mit all dem Schönen, das man dabei erfahren kann, das sonst verborgen bliebe. Und, noch viel wichtiger, nur in der Erfahrung des Anderen, in der Öffnung dem Ungewohnten gegenüber, bietet sich die Gelegenheit zur Entscheidung: ob man das Alte, das Gewohnte für sich bewahren will, oder ob man das Neue begrüßen und zulassen will, oder ob man gar das eine tut ohne das andere zu lassen.

    Dass es so werde, das wünsche ich Dir.

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